Musik verstehen

Musizieren ist Nachvollzug und Mitvollzog des innerlich Gehörten.

Nur wenn Ihr die Musik in ihrer Struktur lesen, denken und innerlich singen könnt,

werdet Ihr Eure Stücke auch überzeugend und künstlerisch vortragen können.

 

Jeder Text muss mit Punkt und Komma vorgetragen werden, auch der musikalische Text.
Dieser besteht aus Silben, die sich zu Wörtern zusammensetzen, daraus wiederum werden Halbsätze, Sätze , Frage- und Antwortsätze etc. gebildet.
Diese Struktur, den Satzbau des Stückes, müsst ihr verstehen, um die Struktur gestalten zu können.

Die Phrasierung ist die Interpunktion der Musik, d.h. die sinngemäße, künstlerische Interpretation eines Werkes.

Die Musik – der Interpret spielt mit unseren Erwartungshaltungen.

Musik erregt die Phantasie - das Gehirn entwickelt die gespielten Motive weiter. 

 

Ein Motiv ist ein Impuls, der in unserem Denken einen Prozess in Gang setzt. Spätestens nach der Wiederholung (wie im Satz) oder dem Kontrast (wie in der Periode) arbeitet unsere Klangvorstellung, und das Gehirn versucht das Material zu entwickeln und fortzuspinnen, und es zu variieren. Erwartungen werden dabei aufgebaut, und entweder gar nicht oder anders als erwartet oder in einem hohen Maße befriedigt. Dies ist ein Prozess unseres Denkens, der ganz natürlich und selbständig abläuft.

 

Die Notation.  Die grob gerasterte Zeit!

Durch die Notation wird die lebendige Musik in ein grobes Raster gepresst.

 

Wir müssen beim Spielen unserer Stücke die Musik wieder in den lebendigen Prozess unseres musikalischen Denkens zurückführen. Kein starres Abspielen des Notentextes, keine gerasterte Zeit.

 

Sie laufen doch auch nicht wie ein Soldat auf der Maiparade, auf dem roten Platz in Moskau im Stechschritt oder wie ein psychisch Kranker mit reduzierten Bewegungen in der Gegend herum. Sondern Sie gehen, natürlich der Umgebung angepasst, entspannt. Woher dann diese mechanistische, militärische Zeitvorstellung bei der Musikausübung.

Letztlich müssen wir immer aus unserer Klangvorstellung heraus spielen, nie nach Noten. Sondern die Musik, die Struktur innerlich, in unserer Klangvorstellung ausagieren, mit den Motiven spielerisch umgehen – Erwartungen aufbauen und diese nur teilweise erfüllen. 

 

Deshalb müssen wir den Notentext auswendig können, die Gegliedertheit (die Struktur) der Komposition verstehen, damit unser Denken (die Klangvorstellung, das Gehirn) das Stück auch ohne zu stottern, fließend denken kann.

 

Musik ist immer ein innerer Prozess, dieser findet nicht in den Noten statt, sondern im Denken – der Lauf der Finger macht die Musik dem Zuhörer nur hörbar. 

 

Temps espace (Raum) und temps durée (Dauer)(1) 

 

Die Musik läuft in einer gelebten Zeit (temps durée) ab, Diese Zeit ist an die Pulsation des Herzens und der Atmung gebunden. Die erlebte Zeit (temps durée) ist etwas total anderes als die notierte, in den Schriftzeichen eingesperrte räumliche Zeit (Temps espace), sie unterliegt anderen Gesetzmäßigkeiten.

 

Die Notation unterliegt dem temps espace (räumliche Zeit).

Die Interpretation lebt in der temps durée (Dauer, gelebte Zeit).

In dem Sinne existiert das Werk nicht, „es muss erst werden“ wie Adorno sagt, es ist dir aufgegeben, es muss befreit werden aus dem Käfig der Notation. Im temps durée erblühen.

 

Die Unfähigkeit zwischen „temps espace" und „temps durée" zu unterscheiden.

Wenn Wagner in seinem Artikel „Über das Dirigieren" von "vom nicht Erfassen des Melos" spricht, der Unfähigkeit zum gesanglichen Vortrag, „…wogegen die Musik für sie ein sonderlich abstraktes Ding, etwas zwischen Grammatik, Arithmetik und Gymnastik Schwebendes ist…" von der Unfähigkeit „einer musikalischen Aufführung Leben und Seele zu verleihen" oder Mahler von „niederträchtigem drehorgelmäßigem Geleier“ spricht, meinen sie, dass an der Notation orientierte Musizieren im Temps espace – der die „kreative Energie", das „influx vital" fehlt (Maurice Martenot) – einer musizier Praxis ohne „musikalische Logik."

„Bei der „éducation musicale logique" wird die Information, welche uns die Notation vermittelt, zuerst vom „influx vital" zu einem musikalischen Gedanken geformt und erst dann zur Gestaltung freigegeben. ”(Francis Schneider)

 

 

(1) Henri Bergson, Schöpferische Entwicklung, Jena 1930

(2) Francis Schneider, Üben - was ist das eigentlich?, Aarau 1994

(3) Richard Wagner, Über das Dirigieren 1869, aus Schriften der Münchener Zeit

(4) Gustav Mahler, Im eigenen Wort, Peter Schifferli Varlags AG „Die Arche" Zürich

 

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